
Mittlerweile habe ich seit vier Wochen die Möglichkeit, einen Einblick in das neuseeländische Schulsystem zu bekommen. Eins kann ich auf jeden Fall schon sagen: Es unterscheidet sich in vielen Bereichen deutlich von unserem deutschen Schulsystem. Mein Praktikum mache ich an der Laingholm Primary School, einer kleinen Grundschule in den Waitākere Ranges im Westen von Auckland. Laingholm selbst ist ein sehr kleines Örtchen. Abgesehen von der Grundschule, einer Community Hall und einem sogenannten „Dairy“ (einem kleinen Laden, der in etwa mit einem Tante-Emma-Laden vergleichbar ist) gibt es hier nur wenige Wohnhäuser. Dafür ist der Ort von beeindruckender Natur umgeben, denn direkt angrenzend befindet sich der Regionalpark der Waitākere Ranges.
Die Schule selbst hat derzeit etwa 150 Schülerinnen und Schüler, die auf sechs Klassenräume verteilt sind. Interessant ist dabei, dass hier nicht von Klassen wie „1b“ oder „4c“ gesprochen wird. Stattdessen heißen die Klassenräume zum Beispiel „Tatai 1“ oder „Tatai 12“. Der Begriff „Tatai“ beschreibt dabei nicht die Jahrgangsstufe, sondern einfach den jeweiligen Raum. Durch die geringe Schülerzahl entsteht schnell eine sehr familiäre Atmosphäre. Viele Lehrkräfte kennen die Kinder persönlich und sprechen sie selbstverständlich mit Namen an. Man merkt sofort, dass die Schule hier ein wichtiger Teil der Gemeinschaft ist.
Besonders beeindruckt hat mich in den ersten Wochen die Lern- und Testkultur an der Schule. Ein Motto beschreibt diese Haltung sehr treffend: FAIL – First Attempt In Learning. Dahinter steckt die Idee des sogenannten Growth Mindsets. Dieses Konzept geht davon aus, dass Fähigkeiten und Intelligenz nicht festgelegt sind, sondern sich durch Anstrengung, Übung und Lernbereitschaft weiterentwickeln können. Fehler werden deshalb nicht als etwas Negatives betrachtet, sondern als ein wichtiger Teil des Lernprozesses. Im Unterricht hört man häufig ermutigende Sätze wie „Good thinking!“ oder „Trust yourself!“. Die Kinder werden dazu motiviert, Dinge auszuprobieren und auch Herausforderungen anzunehmen. Dadurch entsteht eine sehr positive Lernatmosphäre, in der Fehler als Chance zum Weiterlernen verstanden werden.
Auch die Testkultur ist eng mit diesem Lernverständnis verbunden. Das Schuljahr in Neuseeland ist in vier sogenannte Terms unterteilt. Zu Beginn jedes Terms absolvieren die Schülerinnen und Schüler die sogenannten Progressive Achievement Tests, kurz PATs. Dabei handelt es sich um standardisierte Multiple-Choice-Tests, die meist digital über die Plattform „NZCER Assist“ durchgeführt werden. Die Tests dienen vor allem dazu, Lernstände sichtbar zu machen und Fortschritte zu analysieren. Für die Lehrkräfte sind die Ergebnisse eine wichtige Grundlage, um Lernentwicklungen zu erkennen und den Unterricht gezielt anzupassen. Gleichzeitig werden die Testergebnisse nicht isoliert betrachtet, sondern durch Unterrichtsbeobachtungen und Gespräche mit den Schülerinnen und Schülern ergänzt. Ziel ist es, ein möglichst umfassendes Bild der individuellen Lernentwicklung jedes Kindes zu erhalten.
Nach den Tests werden die Schülerinnen und Schüler verschiedenen Kompetenzstufen zugeordnet, die besonders im Bereich Lesen eine wichtige Rolle spielen. In der Schulbibliothek sind viele Bücher nach diesen Leselevels gekennzeichnet. Dadurch können die Kinder Bücher auswählen, die ihrem aktuellen Lernstand entsprechen. Dieses System ermöglicht eine sehr individuelle Förderung und unterstützt die Kinder dabei, sich Schritt für Schritt weiterzuentwickeln. Die PATs decken dabei verschiedene Kompetenzbereiche ab, die mit dem neuseeländischen Lehrplan abgestimmt sind. Dazu gehören unter anderem Mathematik, Leseverständnis, Schreiben, Wortschatz, Hörverstehen sowie Grammatik und Zeichensetzung der englischen Sprache. Außerdem schreiben die Kinder einen Test über „Te Reo Māori“. Dies ist neben Englisch und neuseeländischer Gebärdensprache die dritte offizielle Amtssprache Neuseelands.
Neben der Lern- und Testkultur gibt es noch viele weitere spannende Unterschiede zum deutschen Schulsystem. Dazu gehören beispielsweise der Ganztagsunterricht, schulübergreifende sportliche Wettkämpfe, das Einschulalter von bereits fünf Jahren, jahrgangsgemischte Klassen oder auch die wöchentlichen Schulversammlungen. Schon jetzt kann ich sagen, dass dieses Praktikum für mein Studium eine große Bereicherung ist. Einerseits erkennt man, dass Schule auch ganz anders organisiert sein kann. Andererseits lernt man auch, bestimmte Aspekte des deutschen Schulsystems stärker zu schätzen.
Das Praktikum ist jedoch nicht nur fachlich spannend, sondern auch persönlich eine besondere Erfahrung. Ich habe hier die Möglichkeit, eine für mich völlig neue Kultur kennenzulernen. Natürlich dürfen deshalb auch Ausflüge neben dem Praktikum nicht fehlen. Pia und ich versuchen, fast jedes Wochenende wandern zu gehen. Bisher waren wir zum Beispiel auf dem Zion Hill Track, dem Omanawanui Track oder bei den Karamatura Falls unterwegs. Die Natur in Neuseeland ist wirklich beeindruckend und immer wieder faszinierend. Neben den Wanderungen waren wir beispielsweise auf dem Laneway Festival oder auf Waiheke Island und haben das Rugbyteam von Auckland im Eden Park angefeuert. Langweilig wird es hier auf jeden Fall nicht.



Ich freue mich jetzt schon auf die noch ausstehenden vier Wochen und bin gespannt, welche weiteren Eindrücke und Erfahrungen noch auf mich warten! 🙂


