Namibia

Leben in Okondjatu

Nach drei Wochen in Okondjatu fallen einem bereits viele kulturelle Unterschiede auf. Gerade das Leben in Gemeinschaft, Bekanntschaften, Freundschaften und das Familienleben unterscheiden sich stark. Hierbei kann man ganz Namibia nicht über einen Kamm scheren, da das Land große kulturelle Unterschiede beherbergt. Größere Städte wie Windhoek oder Swakopmund mit großen Gebäuden und Geschäften erinnern einen noch am ehesten an deutsche Städte. Okondjatu, das Dorf, in welchem ihr leben und arbeiten werdet, liegt im Hereroland. Von hier aus braucht man eine Stunde nach Otjinene und zwei Stunden nach Grootfontein, den nächstgrößeren Städten, in welchen ihr euren Wocheneinkauf erledigen werdet.


In Okondjatu selbst gibt es etliche Wellblechhütten und kleinere Ziegelhäuser. In den meisten Vorhöfen befindet sich ein Wasserhahn, an dem man frisches Wasser bekommt. Eines der größeren Häuser des Dorfes ist das Haus von euren Gasteltern: In einem strahlenden Gelb und Rot fällt es sofort ins Auge. Jedes Grundstück ist mit einem Drahtzaun begrenzt, welcher allerdings keine große Barriere für die freilaufenden Ziegen und Kühe darstellt. Das ein oder andere Tier besucht einen im Garten auf der Suche nach Futter. Auch Schülerinnen und Schüler von Mavis oder Bekannte von Mavis und Engelbert (euren Gasteltern) kommen manchmal vorbei und fragen zum Beispiel nach einem Glas Wasser, weil sie gerade einen längeren Fußweg hinter sich haben.

Diese Gastfreundschaft von Mavis und Engelbert zeigt sich auch in anderen Bereichen. Die meisten Kinder, die in Okondjatu zur Schule gehen, müssen einen weiten Weg zurücklegen und schlafen deshalb in den anliegenden Hostels. Wenn das für die Eltern zu teuer ist, kann das Kind nicht zur Schule gehen. Während der Schulzeit beherbergen eure Gasteltern deshalb nicht nur euch, sondern auch andere Kinder, die sich das Hostel nicht leisten können. Mavis hat erzählt, dass sie sogar planen, Hütten in den Garten zu bauen, um noch mehr Kindern den Schulbesuch zu ermöglichen.

Wenn man sich länger mit Mavis unterhält, ist diese Geschichte nicht die einzige rührende, die man zu hören bekommt: von Kindern und Eltern mit HIV, die sie mit offenen Wunden versorgte und in die Klinik brachte; von einer Art Suppenküche im eigenen Haus, mit der sie alle Patienten der Klinik versorgte, da diese großen Hunger litten; vom Bauen von Häusern für Bedürftige bis hin zu einer Feier ihres 50. Geburtstags im kleinsten Familienkreis, da sie Geld lieber für Bedürftige statt für sich selbst ausgibt.

Schnell wird einem klar, was für ein großes Herz Mavis hat und mit welchem Tatendrang sie ihre Projekte umsetzt, ohne dabei an sich selbst zu denken.

Engelbert ist ebenfalls ein sehr geselliger Mensch. Während Mavis nur mit der Familie feiert, feierte er seinen 50. Geburtstag mit 180 Gästen. Wie viele Menschen Engelbert kennt, wird einem spätestens bei einem Einkauf in Grootfontein bewusst: Egal wo man ist, überall kennt er jemanden und hat eine Geschichte dazu parat. Von Menschen mit Alkoholproblemen, denen er geholfen hat, in eine Entzugsklinik zu kommen, über andere Dorfbewohner und Bekannte bis hin zu seinen Geschwistern ist alles dabei. Er bezeichnet dabei nicht nur leibliche Schwestern als „Sister“, sondern auch Cousinen oder entferntere Verwandte.

Auch im Dorf selbst weiß man oft nicht, wer mit wem verwandt ist. Die Kinder spielen miteinander, als wären sie Geschwister – unabhängig davon, ob sie es tatsächlich sind. In den Ferien spielen viele den ganzen Tag zusammen im Garten und werden dabei sehr erfinderisch; manche bauen sich sogar eigene Spielzeugautos aus Draht. Sie werden viel freier und unabhängiger erzogen als in Deutschland: Ihnen wird bereits in jungen Jahren viel mehr zugetraut und mehr Verantwortung übertragen. Wir waren in den ersten Wochen verwundert darüber, warum die anderthalbjährige Enkelin von Mavis und Engelbert nie weint, wenn sie hinfällt, sondern einfach aufsteht und weiterläuft. Das zeigt einmal mehr, dass selbst den Kleinsten hier schon mehr zugetraut wird.

Ein weiterer Unterschied ist die Bedeutung des Glaubens im Alltag. Glaube wird hier vor allem über grundlegende Werte wie Selbstliebe, Nächstenliebe und Hilfsbereitschaft gelebt. Die Institution Kirche rückt dabei eher in den Hintergrund – es ist vielmehr eine Herzensangelegenheit von Engelbert und Mavis, den Menschen durch den gelebten Glauben und die Gemeinschaft Hoffnung zu schenken und sie vor Einsamkeit zu bewahren.

Diese Werte werde ich versuchen, auch in meinen Alltag in Deutschland stärker zu integrieren. Mavis ist definitiv ein großes Vorbild für mich geworden.