Mittlerweile bin ich seit sechs Wochen in Neuseeland und konnte dementsprechend schon recht viele Erfahrungen in verschiedenen Klassen sammeln. So war ich in den letzten drei Wochen hauptsächlich in Klassen mit Schüler*innen mit erhöhtem Unterstützungsbedarf. Ich fand das richtig spannend, da ich Lehramt Sonderpädagogik mit Förderschwerpunkt geistige Entwicklung studiert habe und wissen wollte, wie in Neuseeland der Unterricht für Schüler*innen mit sonderpädagogischem Förderbedarf abläuft und natürlich auch, inwiefern dies inklusiv geschieht.
An der Green Bay High gibt es hier zum einen die sogenannten „Integrated Classes“, die Schüler*innen mit Lernschwierigkeiten und leichteren Verhaltensauffälligkeiten besuchen und zum anderen die „Satellite Classes“ für Schüler*innen mit höchstem sonderpädagogischen Förderbedarf (highest levels of ongoing need). Letztere sind keine Schüler*innen der Green Bay High, sondern gehören der Oaklynn-School an, einem Förderzentrum (specialist school) speziell für eben jene Schüler*innen mit höchstem sonderpädagogischen Förderbedarf. Dieser höchste sonderpädagogische Förderbedarf ist meiner Meinung nach vergleichbar mit der Schülerschaft im sonderpädagogischen Schwerpunkt geistige Entwicklung in Deutschland. Die Oaklynn-School besteht aus einer „Kernschule“, sowie zahlreichen „Satellite-Classes“, also Klassen, die in „Mainstream Schools“ (Schulen für Schüler*innen ohne sonderpädagogischen Förderbedarf) in der Umgebung untergebracht sind, unter anderem eben auch an der Green Bay High.
Auch wenn die Schüler*innen mit dem „highest level of ongoing need“ an der selben Schule unterrichtet werden wie Schüler*innen ohne sonderpädagogischen Förderbedarf, so gibt es doch nach meinen bisherigen Erfahrungen eher selten Kontakte zwischen Mainstream und Satellite-Classes an der Green Bay High. Die Schüler*innen sind in separaten Klassenzimmern untergebracht und auch in den Pausen ist kein Kontakt möglich, da Mainstream und Sattelite unterschiedliche Stunden- und Pausenzeiten haben. Es ist jedoch möglich, dass einzelne Schüler*innen zum Beispiel den Sport- oder Kochunterricht der Mainstream-Classes besuchen. Auch unterstützen gelegentlich Schüler*innen der Mainstream-Classes im Unterricht der Satellite-Classes.
Im Unterricht wird viel Wert auf ein gutes Miteinander, das Vermitteln von Maori-Werten, dem Ausbilden von Kreativität und dem Erlernen der Nutzung digitaler Geräte gelegt. Unterstützte Kommunikation ist ein wichtiger Bestandteil des Unterrichts, wobei elektronische Kommunikationshilfen wie Tablets genauso wie nicht-elektronische Kommunikationstafeln, Klettsymbole oder einfache Ja-/Nein-Schilder verwendet werden. Eine Klasse besteht aus ungefähr acht Schüler*innen und wird von einem Team aus mehreren Lehrpersonen und Unterstützungspersonen betreut und gefördert. Ich wurde wahnsinnig herzlich vom Team aufgenommen und durfte von Beginn an unterstützend tätig werden. Besonders beeindruckt hat mich der wertschätzende Umgang mit den Schüler*innen und das zahlreiche Wahlprogramm, das von Girls Club, über Tanzen bis hin zu Gärtnern und Theater reicht. Hier wird wirklich die Ausbildung der Persönlichkeit eines jeden einzelnen Jugendlichen gefördert.
In den Integrated Classes haben die Schüler*innen mit einem moderaten sonderpädagogischen Förderbedarf im Klassenverband die Fächer Englisch, Mathematik, Sozialkunde, Naturwissenschaften und Gesundheit. Zudem dürfen sie aus dem normalen Fächerangebot der High School Kurse auswählen und belegen. Sowohl im Unterricht im Klassenverband als auch beim Besuch ihrer Wahlfächer in den Mainstream-Klassen werden sie hierbei von „Teacher-Aides“ (Schulbegleiter*innen) unterstützt. Besonders interessant fand ich Sozialkunde, da konnte auch ich noch ganz viel Neues über die Geschichte Neuseelands lernen.
Abschließend möchte ich anmerken, dass ich hier nur meine zeitlich und örtlich sehr stark begrenzten Erfahrungen mit inklusivem Unterricht an der Green Bay High wiedergeben und natürlich nicht über die generelle Inklusivität des neuseeländischen Schulsystems urteilen kann. Ich durfte wunderbare Schüler*innen, Lehrer*innen und Teacher Aides kennenlernen und habe gesehen mit wie viel Kreativität und Hingabe der Unterricht für Schüler*innen mit unterschiedlich hohem sonderpädagogischen Förderbedarf aufbereitet wird. Das war für mich eine sehr bereichernde Erfahrung und ich werde definitiv einiges davon in meinen späteren Unterricht mitnehmen.
Ich habe für euch außerdem noch einige Fotos mitgebracht, die aus der Primary-School stammen, die ich weiterhin einmal die Woche besucht habe. Auch hier durfte ich übrigens Erfahrungen mit Inklusion sammeln, da in der Klasse ein Junge mit Autismus-Spektrum-Störung war. Er wurde stundenweise von Teacher-Aides, aber auch durch ein rotierendes Helfersystem von der ganzen Klasse im Unterricht und in den Pausen unterstützt.



