Neuseeland,  Nordinsel,  Wellington

Klassenzimmer am anderen Ende der Welt

Mein Praktikum an der SWIS in Wellington neigt sich bald dem Ende zu. In den vergangenen Wochen durfte ich viele spannende Eindrücke sammeln, das Leben in Wellington in einer Gastfamilie kennenlernen und am neuseeländischen Schulalltag teilnehmen. Einige meiner Beobachtungen und Erfahrungen möchte ich in diesem Blogeintrag festhalten.

Allgemeine Schulstruktur

Alle Schulen in Neuseeland sind Gemeinschafts- und Ganztagsschulen. Das bedeutet, dass alle Schülerinnen und Schüler gemeinsam von 8:45 bis 15:00 Uhr lernen und nicht nach Förderbedarf oder Leistungsniveau getrennt werden.

Alle Klassen sind jahrgangsgemischt. Der Lehrplan ist darauf abgestimmt – ähnlich wie in bayerischen Grundschulen. Für einzelne Unterrichtseinheiten werden die Lerngruppen zwar teilweise nach Jahrgangsstufen, Leistungsniveau oder Interessen aufgeteilt, der Großteil des Unterrichts findet jedoch gemeinsam statt.

Bis zur Jahrgangsstufe 9 werden in Neuseeland keine klassischen Schulnoten vergeben. Schularbeiten werden zwar durch strukturiertes Feedback bewertet, insgesamt jedoch deutlich seltener als in Deutschland. Statt eines Notenzeugnisses erhalten die SuS am Ende eines Halbjahres einen schriftlichen Lernbericht, der ihre Leistungen in Bezug auf die erwarteten Kompetenzen der jeweiligen Jahrgangsstufe beschreibt und den Fokus für das nächste Halbjahr darlegt.

Für mich war es besonders interessant zu beobachten, wie eine Schule ohne Notendruck funktioniert. Mein Eindruck ist, dass dadurch sowohl für die SuS als auch für die Lehrkräfte deutlich weniger Leistungsdruck entsteht. Gleichzeitig war es schön zu sehen, dass die Kinder trotzdem motiviert lernen und sich aktiv am Unterricht beteiligen.

Der Unterricht an der Intermediate School war überwiegend lehrkraftzentriert. Die Lernziele wurden zu Beginn jeder Stunde klar formuliert und regelmäßig aufgegriffen. Eine Differenzierung innerhalb des Klassenunterrichts fand eher selten statt. Stattdessen gibt es zahlreiche klassenübergreifende Förder- und Wahlangebote. Die SuS verlassen hierfür zeitweise den regulären Unterricht und besuchen beispielsweise Mathematik-Intensivkurse oder Sprach-Kochkurse.

Generell wird in neuseeländischen Schulen großer Wert auf die Stärkung positiven Verhaltens gelegt. Für besonderes Engagement erhalten die SuS Badges, die sie an ihrer Schuluniform tragen können. Zusätzlich werden Value Cards für vorbildliches Verhalten vergeben. Diese sammelt die Klasse gemeinsam und erhält bei einer bestimmten Anzahl eine Belohnung.

Auch die individuelle Förderung von Kindern mit „special needs“ nimmt einen hohen Stellenwert ein. Gemeinsam mit den SuS werden individuelle Verhaltenspläne entwickelt, die anschließend im Kollegium besprochen und gemeinsam umgesetzt werden.

Fächer

Insgesamt legt das neuseeländische Schulsystem großen Wert auf eine vielseitige Bildung. Während in Deutschland insbesondere die Naturwissenschaften häufig vertiefter behandelt werden, bietet Neuseeland ein sehr breites Fächerangebot.

In den Jahrgangsstufen 7 und 8 besuchen alle SuS der SWIS unter anderem Kochen, Textiles Arbeiten, Hard Technology, Design Technology, Philosophie, Film, Musik und Kunst. Auch der Maori-Unterricht ist ein fester Bestandteil des Curriculums.

Auch die persönliche Entwicklung der Kinder wird bewusst gefördert. So nehmen beispielsweise eher ängstliche SuS einmal wöchentlich an einem Kletterangebot teil, um Selbstvertrauen aufzubauen und sich ihren Ängsten zu stellen.

Aktuelle Entwicklungen

Neuseeland hat in den vergangenen Jahren den Einsatz digitaler Endgeräte im Unterricht stark ausgebaut. Es wird intensiv mit Google Classroom und verschiedenen Lernplattformen gearbeitet. Viele Schreibaufgaben werden digital bearbeitet und KI-gestützte Programme geben den SuS direkt individuelles Feedback.

Gleichzeitig wird der starke Fokus auf digitale Medien inzwischen auch kritisch betrachtet. Einige Lehrkräfte beobachten Defizite im Handschreiben und versuchen deshalb, einen ausgeglichenen Einsatz digitaler und analoger Lernformen im Unterricht anzuwenden.

Auch das Curriculum befindet sich derzeit im Wandel. Die bisherige Einteilung der Jahrgangsstufen (0–3, 4–6 und 7–8) wird künftig feiner strukturiert und inhaltlich stärker ausdifferenziert. Dadurch könnte das Unterrichten in jahrgangsgemischten Klassen künftig neu strukturiert werden müssen.

Auch das Konzept der Schulgebäude befindet sich im Wandel. Vor einigen Jahren wurden insbesondere Grundschulen als große, offene Lernlandschaften konzipiert, in denen mehrere jahrgangsgemischte Klassen gemeinsam von mehreren Lehrkräften unterrichtet wurden. Heute geht der Trend eher zu kleineren, flexiblen Lernräumen mit Gruppenarbeitsbereichen, Rückzugsmöglichkeiten, beweglichen Trennwänden und vielseitig einsetzbaren Möbeln. Das Teamteaching und das gemeinsame Lernen in jahrgangsgemischten Gruppen bleiben dabei weiterhin zentrale Bestandteile des Unterrichts.

Ich bin unfassbar dankbar, diese vielseitigen Erfahrungen hier in Wellington erleben zu dürfen. Ich durfte mir ein Bild von verschiedenen Schulen machen und wurde überall unglaublich herzlich empfangen. Die Eindrücke und Inspirationen werden auf jeden Fall mit nach Deutschland und mit Sicherheit auch ein Stückweit ins Klassenzimmer getragen.

Das Leben in der Gastfamilie kann ich auf jeden Fall weiterempfehlen. Es ist eine wunderbare Möglichkeit, das Land, die Menschen und die Kultur umfassend kennenzulernen.
Wellington als Stadt habe ich sehr liebgewonnen. Die Nähe zum Meer und zu den Bergen, die Kulturangebote, die Cafés, … Langweilig wird es auf jeden Fall nicht und der Abschied wird mit Sicherheit sehr schwierig 🙂

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