Ghana,  Sunyani

Eine Leseoffensive am „Bezaleel Educational Complex“ in Sunyani

Als ich hier in Sunyani angekommen bin, hieß es zunächst, dass ich die Deutsch-Anfängerkurse übernehmen würde. Doch Pläne und Ghana – das passt nicht immer zusammen. Nach einer Woche Eingewöhnungszeit und den ersten Unterrichtsstunden gab es eine Planänderung. Pia – meine Gastmutter und Gründerin der Schule – erzählte mir, dass sie mit den Lesekompetenzen der Kinder unzufrieden sei. Und so begann mein Lese-Projekt hier in Sunyani.

Zunächst haben wir die Lesefähigkeit der Kinder mit dem „Wörter-pro-Minute-Test“ erfasst. Von der ersten bis zur siebten Klasse wurde dokumentiert, wie viele Wörter die Kinder innerhalb einer Minute lesen können. Die Ergebnisse waren leider ernüchternd: Verglichen mit den Richtwerten, die in Deutschland als Mindeststandard gelten, lagen fast alle Kinder deutlich darunter. Um daran etwas zu verändern, führten wir zwei Maßnahmen in den Schulalltag ein.

Zum einen entstand ein zweimal wöchentlich stattfindender „Reading Club“. Dort arbeiteten die Kinder in heterogenen Lese-Tandems gemeinsam an Texten. Die Idee dahinter: voneinander lernen und gemeinsam die Lesekompetenz stärken. Jeweils drei bis vier Paare werden von einer Lehrkraft begleitet. Im „Reading Club“ werden Kinder der dritten bis siebten Klasse bewusst gemischt. Kinder, deren Lesekompetenz noch nicht ausreichte, um Texte vorlesen zu können, werden in Paaren von einer Lehrkraft gefördert.

Zum anderen nutzte ich die Schultage für gezielte Einzelförderung. Ziel war es, dass jedes Kind mit Lese-Förderbedarf täglich etwa zehn Minuten vorliest. Unterstützt wurde ich dabei von einer weiteren Lehrkraft. Alle Kinder der ersten und zweiten Klasse sowie einzelne Kinder aus höheren Jahrgangsstufen bekamen täglich die Möglichkeit zum Vorlesen. Jede absolvierte Leseeinheit wurde mit einer Unterschrift in einem Lesepass festgehalten, den ich vorab vorbereitet hatte – und der bei den Kindern richtig gut ankam. Nahezu jedes Mal nach dem Lesen haben die Kinder gesagt: „Auntie, please show me your signature“.

Gearbeitet haben wir mit sogenannten „Phonics“-Büchern, die die Kinder beim Lesenlernen unterstützen. Eigentlich sieht der Lehrplan vor, dass bereits im Kindergarten mit dem Lesen begonnen wird. In der Praxis wird das jedoch häufig nicht konsequent umgesetzt oder einzelne Kinder können nicht ausreichend mitgenommen werden. In der ersten Klasse wird dann oft bereits vorausgesetzt, dass die Kinder lesen können – obwohl das kaum der Fall ist. Kapazitäten um die Defizite aufzuarbeiten, sind leider kaum vorhanden. Umso mehr hat es mich gefreut, meine Zeit hier sinnvoll einsetzen zu können und selbst in nur acht Wochen einen kleinen Beitrag zu leisten.

Grundsätzlich hatten die Kinder unglaublich viel Freude am Lesen. Oft stürmten sie voller Begeisterung aus ihren Klassenzimmern, wenn sie an der Reihe waren und wollten gar nicht mehr aufhören. Alle Kinder waren auch super motiviert und haben sich über die Aufmerksamkeit, die sie so bekommen haben, sehr gefreut.

Die Leistungsstände waren sehr unterschiedlich, aber gerade durch die 1:1-Förderung konnte individuell auf jedes Kind eingegangen werden. Dadurch waren große Fortschritte möglich. In meiner letzten Schulwoche haben wir den Wörter-pro-Minute-Test erneut durchgeführt – und die Ergebnisse waren beeindruckend. Fast alle Kinder konnten sich deutlich verbessern. Das zu sehen, war ein sehr schöner Abschluss.

Für die intensive Einzelförderung wird es künftig leider keine personellen Kapazitäten geben. Ich hoffe trotzdem, dass diese acht Wochen „Lese-Crashkurs“ den Kindern eine Grundlage geschaffen haben, auf der weiter aufgebaut werden kann. Der „Reading Club“ wird jedoch weiterhin bestehen bleiben – und hoffentlich noch viele Kinder beim Lesenlernen unterstützen.

Ich bin richtig stolz auf die Kinder und ihre Fortschritte. Ich freue mich sehr, so auch in der kurzen Zeit hier einen kleinen Beitrag leisten zu können, und den Kindern Fähigkeiten mitgeben zu können, von denen sie hoffentlich den Rest ihres Lebens profitieren können.