Belarus,  Minsk

Im Herzen von Belarus – meine Zeit in Minsk

An einem verregneten Donnerstag Anfang März kam ich am Flughafen Minsk in Belarus an. Hier würde ich ein sechswöchiges Praktikum an einem Gymnasium absolvieren. Nach einer kurzen Busfahrt zum Hauptbahnhof holte mich dort meine Gastfamilie ab. Passenderweise trafen wir uns direkt vor einem Monument, das häufig als „Tor zur Stadt“ bezeichnet wird.

Meine Gastfamilie

Der Begriff Gastfamilie ist in diesem Fall allerdings etwas irreführend, vielmehr handelte es sich um ein junges Pärchen in meinem Alter, das mich sehr herzlich aufnahm. Abends gab es bei Tee und einem leckeren Abendessen ein erstes Kennenlernen. Außerdem übergaben wir uns gegenseitig einige Geschenke und Süßigkeiten.  

Bei strahlendem Sonnenschein und gleichzeitig klirrender Kälte zeigte mir meine Gastfamilie am folgenden Wochenende verschiedene Sehenswürdigkeiten und mehrere beeindruckende Gebäude in der Stadt. Da Minsk das kulturelle und politische Zentrum des Landes ist, gab es hier einiges zu entdecken. Außerdem besuchten wir ein Kurzfilmfestival, ein Miniaturmuseum und eine Kunstausstellung. Somit hatte ich nach den ersten Tagen schon verschiedenste Ecken von Minsk zu sehen bekommen und mit der Gastfamilie war bereits eine gute Freundschaft entstanden.

Die erste Schulwoche

Meine Zeit am Gymnasium Nr. 56 startete am folgenden Montag. In Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut wird hier Deutsch als Fremdsprache angeboten. Etwa 1000 Schülerinnen und Schüler von der 1. bis zur 11. Klasse besuchen die Schule. Ich erhielt einen festen Stundenplan, bei dem ich am Deutschunterricht in verschiedenen Klassen von der 5. bis zur 11. Klassenstufe mitwirken konnte. Von Beginn an durfte ich größtenteils selbstständig den Unterricht halten. In meinen ersten Stunden stellte ich den Schülerinnen und Schülern zunächst mich als Person und meinen Alltag vor. Darüber hinaus wurde ihr Wissen über Deutschland mit einem Quiz auf die Probe gestellt . Außerdem stellten die Kinder selbst viele Fragen und waren sehr neugierig. Die guten Deutschkenntnisse vieler Schülerinnen und Schüler beeindruckten mich enorm, und alle Lehrerinnen waren außerordentlich freundlich und hilfsbereit.

Das Gymnasium Nr. 56 in Minsk

Die Schule

Für den Fremdsprachenunterricht werden die Klassen geteilt, sodass der Deutschunterricht in relativ kleinen Gruppen von circa zehn Schülerinnen und Schülern stattfindet. Diese lernen Deutsch zum Teil bereits seit der ersten, spätestens aber seit der dritten Klasse, weshalb das Sprachniveau sehr hoch ist. Der Unterricht selbst war deshalb äußerst angenehm, da in den kleinen Gruppen jeder problemlos mit eingebunden werden konnte und die Schülerinnen und Schüler zudem sehr interessiert, diszipliniert und motiviert waren.  

Nicht unerheblich dürfte hierfür auch das Benotungssystem sein, da jedes Kind in der Regel jede Stunde benotet wird, basierend auf Mitarbeit, Bearbeitung von Aufgaben oder Gruppenarbeiten. Allerdings wurden hierdurch in meinen Augen zum Teil auch sehr ungerechtfertigte beziehungsweise ungenaue Noten vergeben.  

An den Schulen in Belarus gibt es zwar in der Regel keine Schuluniform, es wird jedoch erwartet, dass beim Schulbesuch sehr schicke Kleidung getragen wird. Das gilt insbesondere für die Lehrkräfte, wobei Jeans zum Beispiel ein No-Go sind. Deshalb entstand die für mich ungewohnte Situation, jeden Tag mit Hemd, Anzughosen und Lederschuhen in die Schule gehen zu müssen. Allerdings trugen auch die meisten Schülerinnen und Schüler Hemd, Bluse, Kleid oder Sakko, was sich wiederum in einer seriösen Grundstimmung an der Schule ausdrückte.

Besuch am Goethe Institut

Am zweiten Wochenende kam dann die andere Praktikantin, die in Sluzk unterrichtete, nach Minsk, da wir eine Einladung vom Goethe Institut erhalten hatten. Hier wurden wir sehr herzlich empfangen. Wir erhielten einen Einblick in die Tätigkeiten und Angebote des Instituts, lernten einige Mitarbeiter und den Institutsleiter kennen und bekamen eine Führung durch die Räumlichkeiten und die Bibliothek. Wir konnten uns sogar sofort selbst ein paar Bücher ausleihen. Danach erkundeten wir die Stadt und sahen wir uns weitere Sehenswürdigkeiten an, wobei mein Highlight der Unabhängigkeitsplatz mit der Roten Kirche war.

Die Rote Kirche

Die letzte Woche

In der folgenden Woche hielt ich in der Schule Unterrichtsstunden über Themen wie Essen und Trinken in Deutschland, deutsche und bayerische Sehenswürdigkeiten, Sport in Deutschland oder deutsche Kunst. Dabei erzählten die Schülerinnen und Schüler auch viel über ihren Alltag und beispielsweise Sehenswürdigkeiten in Belarus, was sehr interessant war und mir tiefe Einblicke in das Leben in Belarus ermöglichte. Außerdem durfte ich ein paar besonders gute Schüler der elften Klasse mit Einzelunterricht auf die Deutsch-Olympiade vorbereiten.

Nach der Schule verbrachten meine Gastfamilie und ich noch einige schöne Abende, bei denen wir uns gegenseitig bekochten, Spiele spielten, jede Menge Süßigkeiten aßen und uns über verschiedenste Themen unterhielten.

Trotz dieser schönen Erlebnisse stand die zweite Woche in Belarus im Schatten der sich verschärfenden Corona-Krise. Die Entwicklungen in Deutschland waren sehr besorgniserregend, sodass ich mich aufgrund ausfallender Flüge und der Schließung von immer mehr Grenzen letztendlich schweren Herzens dazu entschloss, nach der zweiten Schulwoche die Heimreise anzutreten.

Ein letztes Highlight war der Besuch der Nationalbibliothek an meinem vorletzten Abend. Von der Plattform auf dem Dach aus konnte man zusehen, wie die Sonne über den Dächern von Minsk unterging. Es fühlte sich nach einem schönen und friedlichen Abschied von der Stadt an.

Ausblick vom Dach der Nationalbibliothek

Rückblick

Abschließend lässt sich sagen, dass das Praktikum am Gymnasium Nr. 56, unabhängig von der verkürzten Dauer, für mich eine großartige und wertvolle Erfahrung war. Als Lehramtsstudent wurde es mir ermöglicht, einen Einblick in ein anderes Schulsystem mit einigen Unterschieden zu erhalten und Unterrichtserfahrung zu sammeln. Darüber hinaus hat es unglaublich viel Spaß gemacht, mit den interessierten und engagierten Schülerinnen und Schülern zu arbeiten und ihnen zu zeigen, dass sie sich mit ihren Deutschkenntnissen schon problemlos mit einem Muttersprachler verständigen können. Ebenfalls schön war der Besuch des Goethe-Instituts und gegebenenfalls die Möglichkeit, zu einem späteren Zeitpunkt nochmal ein Praktikum zu absolvieren oder ein Jugendcamp zu begleiten.

Außerdem konnte ich durch die Einbindung in den Schulalltag und das Wohnen bei zwei Einheimischen das Land und die Menschen aus Belarus viel persönlicher und tiefer kennenlernen, als das bei einer touristischen Reise möglich gewesen wäre. Und zu guter Letzt hatte ich eine unglaublich freundliche Gastfamilie, mit der in der kurzen Zeit bereits eine tiefe Freundschaft entstand und mit der ein baldiges Wiedersehen geplant ist.