Sieben Wochen sind vergangen, somit ist die Halbzeit meines zwölfwöchigen Praktikums an der Nydalen Videregående Skole in Oslo vorbei. Zeit für ein Zwischenfazit, das vor allem Folgendes zeigt: Vieles ist vertraut und gleichzeitig ist vieles ganz anders.
Meine ersten Tage in Oslo waren wettertechnisch eher durchwachsen. Schnee, Regen und Kälte bestimmten den Start und machten das Ankommen zunächst etwas schwierig. Umso herzlicher war jedoch der Empfang in der Schule. Sowohl das Kollegium als auch die Schüler*innen begegneten mir von Anfang an offen und freundlich, sodass ich mich schnell willkommen fühlte. Ohne große Vorbereitungszeit bin ich direkt in ein Austauschprojekt mit einer Schule in Worms hineingeraten. Solche internationalen Kooperationen scheinen hier einen hohen Stellenwert zu haben. Insbesondere der Austausch mit Deutschland wird aktiv gefördert und als bereichernd wahrgenommen.
Die Stadt Oslo
Oslo hat mich auch abseits der Schule schnell beeindruckt. Die Stadt verbindet auf besondere Weise moderne Architektur mit traditionellen nordischen Wohnhäusern und bietet gleichzeitig unmittelbaren Zugang zur Natur. Oft reicht es, an der nächsten U-Bahn-Station auszusteigen, um sich mitten im Grünen wiederzufinden. Bewegung spielt im Alltag generell eine große Rolle. Die Menschen sind bei jedem Wetter draußen unterwegs, sei es beim Joggen, Radfahren oder im Winter beim Langlaufen. Gleichzeitig hat die Stadt ihren eigenen Rhythmus: In Cafés und Museen bleibt es morgens eher ruhig, denn Oslo wacht gefühlt erst gegen 10 oder 11 Uhr richtig auf. Dafür sind die Straßen und Cafés am Nachmittag umso belebter, vor allem, wenn die Sonne scheint. Dann sitzen viele Menschen draußen, genießen die ersten warmen Sonnenstrahlen und lassen den Tag entspannt ausklingen – auch wenn ein Bier hier deutlich teurer ist als in Deutschland. Typische Alltagsrituale wie der Besuch eines Hotdog-Stands oder der „Taco Friday” gehören ebenso dazu und geben einen kleinen Einblick in die norwegische Alltagskultur. Ab Mitte April wird zudem spürbar, wie sich die Stadt auf den Nationalfeiertag vorbereitet, der hier eine große Bedeutung hat.



Der Schulalltag
Der Schulalltag an der Nydalen Videregående Skole unterscheidet sich in einigen Punkten deutlich von dem, was ich aus Deutschland kenne. Die Schule ist mit etwa 15 Jahren noch relativ jung und liegt in einem ehemaligen Industriegebiet. Besonders auffällig ist die Atmosphäre: Der Umgang miteinander ist entspannt und gleichzeitig respektvoll. Lehrkräfte und Schülerinnen duzen sich grundsätzlich, dennoch wird die persönliche Privatsphäre sehr geachtet. Unterstützung wird nicht sofort angeboten. Vielmehr versuchen die Schülerinnen zunächst, eigenständig Lösungen zu finden, und wenden sich erst dann an die Lehrkraft, wenn sie gezielt Hilfe benötigen.
Auch die Struktur des Unterrichts wirkt weniger strikt. Es gibt keinen Schulgong, der die Stunden einleitet oder beendet. Der Unterricht beginnt, wenn die Lehrkraft im Raum ist, und endet entsprechend flexibel. Pausen haben einen hohen Stellenwert und werden bewusst genutzt. Trotz dieser entspannten Rahmenbedingungen nehmen die Schüler*innen die Schule sehr ernst. Viele von ihnen haben klare Ziele und streben anspruchsvolle Studiengänge wie Medizin oder Jura an. Der Unterschied liegt weniger in der Motivation als vielmehr im Umgang mit Leistung: Der Druck ist insgesamt geringer, gleichzeitig wird aber ein hohes Maß an Eigenverantwortung erwartet.
Ein weiterer zentraler Unterschied zeigt sich im Bereich der Digitalisierung. Während in Deutschland oft noch über die Ausstattung diskutiert wird, ist diese hier längst fester Bestandteil des Schulalltags. Jeder Schüler und jede Schülerin arbeitet mit einem eigenen Laptop, Unterrichtsmaterialien sind digital verfügbar und sogar Prüfungen werden am Computer geschrieben. Digitale Medien werden dabei nicht als Ergänzung, sondern als selbstverständliches Werkzeug genutzt.
Im Fach Deutsch als Fremdsprache zeigt sich ein gemischtes Bild. In der achten Klasse können die Schüler*innen zwischen Spanisch, Französisch und Deutsch wählen, wobei Latein keine Rolle spielt – meine Betreuungslehrkraft bezeichnete es augenzwinkernd als „tote Sprache“. Viele entscheiden sich für Deutsch aufgrund familiärer Bezüge oder wirtschaftlicher Interessen. Dennoch ist ein rückläufiges Interesse am Fach spürbar.
Ein Satz beschreibt die Arbeits- und Lebensweise vielleicht besonders treffend: „Erstmal Kaffee, dann reden wir weiter.“ Diese Gelassenheit prägt viele Situationen im Schulalltag und schafft eine angenehme Arbeitsatmosphäre, ohne dass die Zielorientierung verloren geht.
Nach sechs Wochen nehme ich vor allem die Erkenntnis mit, dass Schule gleichzeitig entspannt und leistungsorientiert sein kann. Viele Strukturen unterscheiden sich von Deutschland, aber nicht alles ist automatisch besser oder schlechter, sondern oft einfach anders. Gerade dieser Perspektivwechsel macht das Praktikum für mich so wertvoll. Ich bin gespannt, welche Erfahrungen die zweite Hälfte noch mit sich bringen wird.




