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Murakaza neza! – Willkommen in Ruanda!

Unser Tagesablauf

Nach den ersten vier Wochen melde nun auch ich mich zu Wort und möchte ein bisschen etwas über das Projekt hier erzählen. Dabei werde ich darauf achten, vor allem auf diejenigen Bereiche einzugehen, die meine Mitpraktikantin Amelie in ihrem Blogeintrag noch nicht erwähnt hat. Wir wohnen in der Region Musha, eine gute Stunde von der modernen Hauptstadt Kigali entfernt. Das dörfliche Leben hier gefällt mir besonders gut und vermittelt mir ein Gefühl von Geborgenheit. Die Unterkunft ist gemütlich und das Essen sehr schmackhaft: zu den Hauptessensbestandteilen gehören Reis, Kartoffeln, Bohnen und Kochbananen.

In letzter Zeit versuche ich mit der Sonne zu gehen und besonders früh aufzustehen. Die ersten Morgenstunden sind für mich nämlich besonders wertvoll, da die Kinder aus dem Waisendorf, in dem wir wohnen, zu dieser Zeit entweder für die bevorstehende Meisterschaft Karate trainieren oder anstehende Aufgaben (z.B. auf den Feldern arbeiten) erledigen, bei denen ich gerne helfe. Das Karatetraining finde ich insofern besonders interessant, als dass ich selbst acht Jahre lang Kampfsport betrieben habe. Nach dem Frühstück bringen Amelie und ich den Kindern spielerisch Englisch bei (dazu später mehr) oder hospitieren im Unterricht an der angrenzenden Schule ETSK. Aufgrund der Ferien sind nur die Schülerinnen und Schüler aus den „Short Course“ Klassen (mit einer auf sechs Monate verkürzten Ausbildungszeit) vor Ort, deren Englischkenntnisse erschreckend gering ausfallen, zumal der Unterricht offiziell auf Englisch abgehalten wird. Dementsprechend beschränkt sich unser Handlungsspielraum bislang hauptsächlich auf Bild- und Videomaterial (vgl. Blog Amelie) sowie gestische Interaktionen in den Praxisstunden (Kochen, Schreinerei, Hausbau, etc.), zu denen ich nichtsdestotrotz spreche in der Hoffnung, dass die Schülerinnen und Schüler das ein oder andere englische Wort behalten. Nachmittags findet unter der Woche täglich die „Patronage“ statt – ein vom Waisenhaus organisiertes Ferienprogramm, das die Kinder aus dem angrenzenden Dorf mit einschließt und bei dem vor allem gesungen und getanzt wird. Nach der Patronage (ebenso wie bei Spaziergängen) scharen sich oft Kinder um uns und freuen sich jedes Mal, wenn wir (Klatsch-)Spiele parat haben, die sich nonverbal einführen lassen. Abends findet entweder Gottesdienst statt, den ich auffallend gerne besuche, oder es wird Sport getrieben (die Akrobatikkünste der Kinder sind beeindruckend), Film geschaut, gesungen oder getanzt. Dabei habe ich den Kindern bzw. Jugendlichen bereits Walzer und Salsa beigebracht und mir im Gegenzug schon vielerlei Tanzbewegungen von ihnen abgeschaut. Die Kinder aus dem Waisendorf besitzen ein bemerkenswertes Talent darin, anderen Menschen etwas beizubringen und dabei die Führungsposition innerhalb einer Gruppe einzunehmen. Sie treten selbstbewusst auf, verhalten sich sehr geschickt im Umgang mit uns (trotz Sprachbarrieren) und sind aufgeschlossen sowie wohlerzogen. Ich bin überzeugt davon, dass sie jeweils eine vielversprechende Zukunft vor sich haben.

Englisch üben mit den Kindern aus dem Waisendorf

Um die Kinder aus dem Waisendorf langsam an die englische Sprache heranzuführen, haben wir verschiedene Materialien aus Deutschland mitgebracht. Dabei handelt es sich unter anderem um Kinderbücher, die wir aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse entgegen unserer Erwartung nicht vorlesen können. Stattdessen schaue ich mir regelmäßig mit den Kindern die Bilder in den Büchern an und benenne die abgebildeten Gegenstände auf Englisch, wobei mir die Kinder nachsprechen. Alternativ erfinde ich unter starkem Einsatz von Mimik und Gestik selbst eine Geschichte, die stark an die Bilder angelehnt ist und noch einfacher aufgebaut ist als die Originalvariante. Besonders gut kommt das Wörterbuch für Kinder („First Dictionary“) an, bei dem die Mädchen und Jungen unermüdlich auf Begriffe und Abbildungen zeigen, die wir auf Englisch vorlesen oder benennen sollen. Dasselbe Prinzip fand bei ausgedruckten Fotos von mir aus Deutschland statt, die von den Kindern anschließend auf Papier aufgeklebt und schriftlich kommentiert wurden. Das schriftliche Englisch der Kinder scheint dem mündlichen dabei voraus zu sein. Ich habe aus den Kunstwerken eine Bildergalerie errichtet, die allerdings nur wenige Tage standgehalten hat. Die Kinder haben die Bilder zum Teil abgerissen oder besonders schöne Passagen ausgeschnitten, um sie bei sich zu tragen. Besitz spielt bei den Kindern generell eine wichtige Rolle und ist regelmäßig Auslöser für Zankerei. So habe ich in meinen ersten Tagen hier Armbänder mit den Kindern geknüpft und die Perlen dabei offen hingestellt. Das führte dazu, dass sich alle Kinder zeitgleich auf die Perlen stürzten und so viele wie möglich an sich rissen. Wir mussten uns also erst daran gewöhnen, derartige Gegenstände hoch strukturiert auszuteilen. Inzwischen lassen wir die Kinder dafür in der Regel einen Kreis bilden. Eine weitere Variante, um mit den Kindern Englisch zu üben, stellen Spiele dar. Bei Memory achte ich zum Beispiel stets darauf, die aufgedeckten Bilder auf Englisch zu benennen. Auch Kinderlieder wie „Head, shoulders, knees and toes“, „If you’re happy and you know it“ oder „Old Mac Donald had a farm“ haben sich für mich als geeignet erwiesen, um Körperteile, Bewegungsanweisungen beziehungsweise Tiernamen auf Englisch einzuführen.

Die Interaktionen mit den Kindern machen mir insgesamt großen Spaß und ich freue mich schon sehr auf die kommenden vier Wochen. Ich bin stolz darauf, die Kinder für diese kurze Zeit begleiten zu dürfen und bin der Überzeugung, dass alle Beteiligten wertvolle Erfahrungen aus dieser gemeinsamen Zeit ziehen. So habe ich den Eindruck, dass die Kinder aus dem Waisendorf, die regelmäßig Kontakt zu BLLV Praktikant*innen haben, im Vergleich zu den Nachbarskindern deutlich weniger Hemmung im Umgang mit Fremden zeigen und weniger Vorurteile uns gegenüber hegen. Alleine schon die Fotos auf unseren Handys, die täglich von den Kinder inspiziert werden, zeigen ihnen Einblicke in eine Welt außerhalb ihrer Wohngegend und erweitern auf diese Weise zwangsläufig ihren Horizont – ebenso wie die Kinder tagtäglich meinen Horizont erweitern! Murakoze cyane!