Allgemein,  Stellenbosch,  Südafrika

Zwischen Gemeinschaft, Klassenzimmer und Kapstadtgefühl

Ein Zuhause auf Zeit

Ein besonders wichtiger Teil meines Aufenthalts ist meine Gastfamilie geworden. Schon nach kurzer Zeit hatte ich nicht mehr das Gefühl, nur zu Gast zu sein, sondern wurde immer mehr Teil des Familienalltags.

Durch das Leben in der Gastfamilie habe ich mich bewusst auf deren Alltag und Gewohnheiten eingelassen. Gemeinsame Abendessen, Gespräche im Wohnzimmer, Ausflüge sowie Besuche bei oder von Verwandten wurden schnell zu einem festen Bestandteil meines Alltags. Dabei gab es immer wieder neue Erlebnisse – ob Familienfeiern, Sportveranstaltungen oder Besuche auf lokalen Märkten. Gleich an meinem zweiten Wochenende durfte ich die Umgebung von Kapstadt kennenlernen. Besonders die Pinguine an der Küste und die Fahrt entlang des Chapman’s Peak Drive mit seiner beeindruckenden Aussicht bleiben mir in besonderer Erinnerung.

Mindestens genauso wertvoll waren die alltäglichen Momente: gemeinsame Mahlzeiten, Kaffee und Kuchen am Nachmittag oder gesellige Braai-Abende. Schnell wurde mir bewusst, welchen hohen Stellenwert Familie und Gemeinschaft hier haben. Oft kamen Verwandte zusammen, es wurde viel erzählt, gelacht und gegessen – dabei durften auch die beliebten Domino-Runden nie fehlen. So erhielt ich einen sehr direkten Einblick in das südafrikanische Familienleben und die Kultur.

Durch all diese Erlebnisse habe ich nicht nur neue Orte kennengelernt, sondern vor allem ein sehr persönliches Gefühl für das Familien- und Gemeinschaftsleben in Südafrika bekommen. Genau diese Aufnahme hat dazu beigetragen, dass sich Südafrika für mich immer mehr wie ein zweites Zuhause anfühlt.

Südafrikanischer Schulalltag

Im zweiten Teil meines Aufenthalts wechselte ich an die AF Louw Primary School in Stellenbosch. Mein Arbeitstag begann früh am Morgen und endete am Nachmittag. Um möglichst viele Eindrücke zu sammeln, hospitierte ich in verschiedenen englischsprachigen Klassen von Grade R bis Grade 3 und unterstützte die Lehrkräfte im Unterricht. Dadurch konnte ich unterschiedliche Altersstufen kennenlernen und beobachten, wie konsequent an der gesamten Schule nach einer einheitlichen didaktischen Struktur gearbeitet wird. Besonders auffällig war der Lese- und Schreibunterricht. Die Buchstaben werden nicht alphabetisch, sondern über ihr Lautsystem eingeführt. Dieses Konzept zieht sich durch alle Klassenstufen und wird lediglich dem jeweiligen Leistungsniveau der Kinder angepasst. So wurde deutlich, wie wichtig klare und einheitliche Methoden für den Lernprozess sein können.

Ebenfalls eindrücklich war die klare Struktur des Schulalltags. Die Kinder versammelten sich morgens und nach jeder Pause klassenweise auf dem Schulhof, setzten sich geordnet auf markierte Linien und erhielten wichtige Informationen oder Geburtstagsgrüße, bevor sie gemeinsam mit ihren Lehrkräften zurück in die Klassen gingen.

Zu meinen Aufgaben gehörten die individuelle Unterstützung der Kinder, das Beantworten von Fragen, das Korrigieren von Heften sowie die Entlastung der Lehrkräfte im Classroom Management. Außerdem begleitete ich Lesegruppen, holte die Kinder nach den Pausen vom Schulhof ab und verbrachte die Pausen gemeinsam mit ihnen. Gerade diese vielen kleinen Begegnungen machten den Schulalltag für mich besonders lebendig.

Ein fester Bestandteil jeder Woche war das School Assembly. Dabei versammelte sich die gesamte Schule, es wurde gemeinsam gesungen und es gab verschiedene Beiträge. Neben Ehrungen für schulische oder sportliche Leistungen wurden auch Themen behandelt, die den Kindern wichtige Werte vermitteln sollten. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir ein Vortrag über die Artemis-2-Mission, bei dem es vor allem um Motivation, Disziplin und und die Bedeutung ging, seine akademischen Ziele nicht aus den Augen zu verlieren.

Ein besonderes Highlight war der Book Character Day. Die Kinder kamen verkleidet als Figuren aus ihren Lieblingsbüchern in die Schule und präsentierten stolz ihre Kostüme. In den Pausen wurde gespielt, gelacht und fotografiert, und anschließend wurde das kreativste Kostüm jeder Jahrgangsstufe ausgezeichnet – eine schöne Aktion, die die Freude am Lesen spielerisch förderte.

Die Zeit an der AF Louw Primary School hat mir gezeigt, wie unterschiedlich Schule organisiert sein kann. Gleichzeitig wurde mir bewusst, dass gute pädagogische Arbeit – unabhängig vom Land – vor allem von klaren Strukturen, engagierten Lehrkräften und einer positiven Lernatmosphäre lebt.

Kapstadtliebe

Kapstadt war für mich kein Ort, den man einfach nur besucht, sondern einer, den man jeden Tag neu erlebt. Die Stadt verbindet Berge, Ozean und urbanes Leben auf eine Weise, die dazu einlädt, ständig draußen unterwegs zu sein und neue Perspektiven zu entdecken. Viele meiner schönsten Erinnerungen sind mit Bewegung und Natur verbunden.

Besonders der Aufstieg auf den Lion’s Head zählt für mich zu den abenteuerlichsten und eindrucksvollsten Erlebnissen. Auch der Tafelberg hat mich mit seiner Aussicht über die gesamte Region begeistert – sowohl bei der Fahrt mit der Seilbahn als auch beim Blick vom Plateau auf die Stadt. Ebenso prägend waren die Küstenorte: Spaziergänge in Sea Point, Ausflüge nach Clifton und Camps Bay sowie die Fahrt nach Hermanus haben mir immer wieder gezeigt, wie nah Stadt und Natur hier beieinanderliegen. Unvergesslich bleiben auch die Sonnenuntergänge am Signal Hill, wenn die Stadt langsam im Lichtermeer verschwindet und der Ozean im Hintergrund liegt.

Auch das Stadtleben selbst hat viele Eindrücke hinterlassen. Die V&A Waterfront war ein Ort, an dem man gut den Tag verbringen konnte – sei es beim Schlendern, Shoppen, Essen oder bei einer Bootstour zum Sonnenuntergang, die den Blick auf die Stadt vom Wasser aus noch einmal verändert hat. Besonders eindrucksvoll war für mich auch ein Spaziergang durch Bo-Kaap. Die farbenfrohen Häuser, die Street-Art und die kleine Moschee verleihen dem Viertel eine ganz besondere Atmosphäre und zeigen die kulturelle Vielfalt Kapstadts auf eindrückliche Weise. Gleichzeitig konnte ich dabei auch einen Einblick in die muslimische Gemeinschaft der Stadt gewinnen.

Besuche im District Six Museum und im Zeitz MOCAA haben mir die Geschichte und gesellschaftliche Entwicklung Südafrikas nähergebracht und meinen Blick auf das Land erweitert. Weitere Höhepunkte waren ein Rugbyspiel und eine Safari-Tour, die mir sowohl die sportliche Kultur als auch die Tierwelt Südafrikas eindrücklich gezeigt haben. Insgesamt hat Kapstadt mir eine enorme Vielfalt an Eindrücken vermittelt – zwischen Natur, Geschichte, Kultur und Alltag.

Was ich aus Südafrika mitnehme

Rückblickend war mein Aufenthalt in Südafrika für mich weit mehr als nur ein Praktikum. Es war eine Zeit, die mich auf vielen Ebenen berührt und verändert hat. Besonders die Arbeit mit den Kindern wird mir lange in Erinnerung bleiben. Ihre Offenheit, Lebensfreude und Dankbarkeit haben mir oft mehr gegeben, als ich zurückgeben konnte, und mir schnell das Gefühl vermittelt, wirklich Teil ihres Alltags zu sein. Auch meine Gastfamilie und die Menschen vor Ort haben diese Erfahrung besonders gemacht. Durch ihre Herzlichkeit habe ich mich schnell willkommen gefühlt und durfte ein Zuhause auf Zeit erleben. Der gemeinsame Alltag, die Gespräche und die vielen kleinen Momente dazwischen haben mir gezeigt, wie bereichernd Begegnungen mit anderen Lebenswelten sein können. Südafrika war für mich nicht nur ein Ort zum Lernen, sondern ein Ort zum Wachsen. Die Erlebnisse begleiten mich bis heute und haben meine Sicht auf vieles verändert.