Costa Rica

Herzlichkeit und Spontaneität in Costa Rica

Seit einer Woche unterrichte ich an der Deutschen Schule Franz Liszt in Santa Ana, Costa Rica. Seit eineinhalb Wochen habe ich bei meiner Gastfamilie ein zweites Zuhause gefunden. Ich komme immer mehr an und fange schon an zu bedauern, dass meine Zeit hier begrenzt ist. Ich möchte euch gerne mehr von der Schule, meinem Umfeld und meinem Tagesablauf erzählen.

Franz Liszt Schule

Die Franz Liszt Schule ist eine kleine Privatschule im Herzen Costa Ricas: Santa Ana. Dieser von den Einheimischen als Dörfchen bezeichnete Ort liegt ca. 20-30 Busminuten von der Landeshauptstadt San José entfernt. Der Kindergarten und die Schule von der 1. bis zur 11. Klasse sind in dem schönen, liebevoll gestalteten Gebäudekomplex vereint. Die Schülerschar ist mit ca. 400 Kindern überschaubar. Vielleicht herrscht aus diesem Grund auf dem Pausenhof und in den Klassenzimmern ein liebevolles Verhältnis zwischen Schülern und Lehrern. Die Schule ist benannt nach dem Musiker und Schriftsteller Franz Liszt (1811 – 1886 [ by the way in Bayreuth]. Der Fokus der Schule liegt auf der Musik. Auf der Homepage der Schule heißt es dementsprechend:

La música es el corazón de la vida. Por ella habla el amor
sin ella no hay bien posible y con ella todo es hermoso.

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Das neue Schuljahr hat am Dienstag, 7.Feb. 2017, begonnen. Am Montag war ich das erste Mal vor Ort, um mir meinen zukünftigen Arbeitsplatz anzusehen und die ersten Lehrer kennen zu lernen. Den ersten Schultag haben die Schüler dann mit ihrem Klassenlehrer (guía) verbracht. Am Mittwoch ging es dann mit normalem Unterricht und Alltag für die Schüler los: das heißt der Unterricht beginnt um 7.30 Uhr. Bis zur Mittagspause gibt es wie üblich zwei Pausen. In der Mittagspause essen alle Kinder warm in der Schule. Das Essen wird dafür entweder vor Ort gekauft oder in einer Tupperdose mitgebracht und organisiert aufgewärmt. Nach dem Almuerzo sind es noch drei Stunden à la 45 Minuten bis zum Schulschluss um 15 Uhr. Dieser Tagesablauf gilt für alle Kinder von der 1. bis zur 11. Klasse.

Meine Erwartungen

Während meiner Bewerbung im Frühjahr/Sommer 2016 ging ich davon aus, ich würde in vorwiegend deutschsprachigen Unterrichtsstunden im wunderschönen Costa Rica hospitieren und meine Praxiserfahrung durch einzelne Hilfestellungen verbessern. Ich studiere Lehramt gymnasial Biologie und Chemie und wollte ein neues Schulsystem mit anderen Unterrichtsmethoden kennen lernen, Auslandserfahrung sammeln, meine Spanischkenntnisse anwenden und mit neuen Aufgaben konfrontiert werden.

Die Realität

Ich unterrichte die zwei ersten Klassen in Mathematik und Deutsch.
Als ich mit dieser Neuigkeit am Telefon, ca. 2 Wochen vor meinem Praktikumsbeginn konfrontiert wurde, wusste ich nicht, wie ich das finden sollte. Ich wäre nie alleine und meine Spanischkenntnisse würden ausreichen, da auch Mathematik auf Deutsch unterrichtet wird. Ich war also von Anfang an angekommen in der Schule (oder Costa Rica?) in der alles irgendwie funktioniert. Und wenn nicht heute, dann ‚maῆana‚.

Da ich in das Wort derjenigen vertraue, die mehr Ahnung haben sollten als ich, bin ich mit einer Muchacha, die normalerweise im Kindergarten arbeitet, optimistisch in die erste Schulwoche gestartet. Sie hat auch noch nie 1. Klassunterricht gegeben, kannte aber die Erstklässler aus dem Kindergarten, was immer ein großer Vorteil ist. Sie hat viel Unterrichtsmaterial vorbereitet und mir ihre Ideen erzählt.
Die Unterrichtsstunden haben mir viel Spaß gemacht. Es war nur gelegentlich eine zwiespältige Situation als Lehrkraft aufzutreten und selbst noch nicht alle Regeln der Schule zu kennen (z.B. wer darf wann wie auf’s Klo, von wem und wann wird das Essen aufgewärmt, was passiert mit dem Essen der Kinder, die vergessen haben ihres abzugeben, etc.). Die Einführung, die man normalerweise erwarten dürfte, erfährt man nur durch Nachfragen oder im Gespräch mit anderen Lehrern. Mir gefällt diese Kultur prinzipiell! Pura Vida eben! An die Stelle von weitsichtiger Planung und Disziplin tritt hier in Santa Ana Spontaneität, Liebe und Musik.

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Mal ganz brav beim Melden im Deutschunterricht.

 

Meine Gastfamilie

Untergebracht bin ich in einem vierköpfigen, 3-Generationen-Frauenhaushalt. Ich wurde von den zwei Mädels freudestrahlend in Empfang genommen und sofort liebevoll mit dem typischen Küsschen auf die rechte Backe und einer Umarmung empfangen. Gleich nach meiner Ankunft sind wir in ein Restaurant gegangen, in dem viele Lehrer der Franz Liszt Schule den letzten Freitagabend vor Schulbeginn verbrachten. Es gab viel Trubel und ich wusste nicht, mit wem ich welche Sprache sprechen sollte. Zur Auswahl gab es Deutsch, Englisch und Spanisch 😛
Das Wochenende vor Schulbeginn habe ich noch damit verbracht die Familie und die Umgebung in Santa Ana kennen zu lernen. Ich habe mich vom ersten Moment an super wohl gefühlt, wurde mit Kontrastprogramm verwöhnt: das heißt sowohl in die Mall als auch auf die traditionelle Feria, den Sonntagsmarkt für den Obst- und Gemüseeinkauf (<3) ,geführt, als auch mit viel unterschiedlichem Essen verwöhnt!! (Gallo Pinto, Eiscreme, Papas, Pancakes, Papaya, Kokosnuss, Bohnenmus, … , die Liste ist unendlich – alles war lecker!!)
Besonders gefallen hat mir die große Musikgruppe am Sonntag nach der Feria. Trommeln, Rasseln, Musikinstrumente deren Namen ich nicht kenne, tanzende Mädels und überall gute Laune! So fröhlich habe ich mir Lateinamerika vorgestellt. Die 30 – 45 jungen Menschen haben für einen Auftritt geprobt: in ihrem eigenen Stil hin und wieder Nuancen ‚bekannter‘ lateinamerikanischer Musik eingebaut. Trotz der internen Probe kamen wie selbstverständlich Leute hinzu oder verließen die Musikgruppe für eine mehr oder weniger lange Pause. Wir haben den halben Tag dort verbracht :-).

Eine bessere Gastfamilie als die, in der ich meine 6 Wochen verbringen darf, hätte mir nicht passieren können! Ich bin so dankbar und glücklich!
Sie sind schon nach wenigen Tagen eine zweite Familie für mich gewesen.
Ich lerne sehr viel von Ihnen! Wir versuchen nur auf Spanisch miteinander zu sprechen, was immer besser klappt, worauf ich recht stolz bin! Wenn es etwas komplizierter wird, switchen wir auf Englisch, das sprechen zum Glück auch alle außer die Oma auch perfekt. Die Mädels lernen außerdem Deutsch in der Schule. So herrscht ein angenehmer Sprachenaustausch im Haus, der oft von viel Lachen untermalt wird. Die Atmosphäre ist entspannt, ehrlich und fröhlich!

Ich freue mich jeden Abend auf das gemeinsame Abendessen, das meist zu irgendeinem Teil aus Avocado und Reis besteht <3! Es wird immer warm gegessen. Hühnchen, Salat, Reis, Kartoffeln, Tortillas, Fisch, Papas, … Und im Anschluss räumen wir alle gemeinsam die Küche auf – gelegentlich zu lateinamerikanischer Musik, damit es leichter von der Hand geht! 🙂

Das Haus in dem sie wohnen liegt direkt in Santa Ana, ich kann auch in ca. 7 Minuten zur Schule laufen – super entspannt! Das mache ich allerdings nur Montags, da ich da später Unterrichtsbeginn habe. An den anderen Tagen schließe ich mich trotzdem dem Rest der Familie an und steige mit in das Auto, da sie sowieso fahren – naja. Nach Hause laufe ich allerdings jeden Tag bei strahlendem Sonnenschein und einer immer wärmer werdenden Umgebungstemperatur.

Schulalltag

Nach meinen ersten zwei Wochen als einzige BLLV-Praktikantin kam am 20.02. Franzi, bzw. wie hier auch Franzis bezeichnete, dazu. Auch sie wurde sehr herzlich und liebevoll von derselben Gastfamilie aufgenommen. Jeder hat sein eigenes gemütliches Zimmer, trotzdem verbringen wir die meiste Zeit gemeinsam im Wohn-/Esszimmer.
Am Montag  waren wir sofort auf uns alleine gestellt und mussten versuchen den Unterricht selbstständig zu meistern. Es gab immer noch keine Schulbücher, Materialien oder sonstige Hinweise zur Unterrichtsgestaltung. Nette Kollegen gaben uns Kopiervorlagen und Ideen, aber die Herausforderung alleine vor der Klasse zu stehen, konnte uns keiner nehmen. Die erste Woche war für Franzi dahingehend schwer, weil sie alles neu kennen lernen musste: die Schule, die Schulregeln, den Unterrichtsablauf, die Kollegen… und das alles mehr oder weniger immer auf Spanisch.

Inzwischen, nach zwei gemeinsamen Arbeitswochen, haben wir beide gelernt, wie wir vor der Klasse auftreten müssen. Die zwei Klassen, die wir unterrichten, sind in jeder Hinsicht sehr unterschiedlich. Die Klasse 1A ist relativ diszipliniert, was uns erlaubt unseren Unterricht wie geplant durchzuführen. Klasse 1B bereitet uns leider eher Schwierigkeiten, da wir einen großen Teil der Unterrichtsstunde immer damit verbringen müssen, alle auf ihre Plätze zu verweisen und versuchen (!) Ruhe zu schaffen. Dies raubt uns leider täglich etwas Kraft und Stimme. Die Nachmittage und Abende verbringen wir deswegen neben Unterrichtsvorbereitung (und natürlich anderen Sachen 😉 ) damit, die Schulgeschichten der Klasse 1B Revue passieren zu lassen – was uns dann doch am Ende des Tages noch amüsiert und zum Lachen bringt. Verschieden Strategien, die Klasse am Ende doch unter Kontrolle zu kriegen, werden wir wenigstens hoffentlich dadurch lernen… Wir hoffen das ist uns spätestens bis zum Ende des Praktikums geglückt :-P.
Trotz aller Nerven, die sie uns rauben und aller grauen Haare, die sie uns wachsen lassen (Kommentar Franzi: „das find ich gut – das ist einfach so!!!!“) haben wir positive Gefühle für unsere Schlitzohren übrig!

Zeit um Abschied zu nehmen

Auch wenn Franzi noch zwei Wochen bleibt, war es für Juliane heute der letzte Arbeitstag. Die Zeit ist wahnsinnig schnell vergangen. Wir haben uns zwar beide natürlich auf den letzten Arbeitstag gefreut, da wir jetzt noch ein paar freie Wochen zum Herumreisen haben, trotzdem war es ein bisschen traurig Abschied zu nehmen. Am letzten Tag hat Juliane von den Kindern viele, viele Blumen, Zettelchen und schöne Gesten (mehr von ihrem Pausenbrot als gewöhnlich :-D) geschenkt bekommen. Man hat dadurch gemerkt, nach welch kurzer Zeit man eine enge Bindung zu den Kindern aufbauen kann und komischerweise sind es vor allem die Kinder, die einen am Anfang in den Wahnsinn getrieben haben, die man dann am Ende doch irgendwie vermissen wird.

Wir haben jedoch für uns festgestellt, dass 6 Wochen eine optimale Praktikumszeit ist. Wir hatten genug Zeit alles kennen zu lernen und konnten uns selber einen Alltag aufbauen.

Letzten Freitag durften wir die zwei ersten Klassen auf ihrem Schulausflug nach Cartago begleiten, wo wir die Kinder außerhalb des Schulgebäudes kennen lernen durften. Für uns war der Ausflug nicht wahnsinnig spannend, aber es war schön die Kinder zu begleiten. sie haben durch den Besuch eines Schmetterlingshauses und bei einer kleinen Wanderung ein bisschen etwas über Naturschutz gelernt. Den Rest des Tages durften sie auf einem Spielplatz verbringen.

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Im Großen und Ganzen sind wir beide unglaublich, wahnsinnig froh diese Zeit hier erlebt haben zu dürfen. Trotz dem langen Warten auf die Bestätigung und der Unsicherheit würden wir uns immer wieder neu für dieses Praktikum entscheiden. Wir hatten eine unglaublich schöne Zeit in der Gastfamilie und in der Schule, die uns immer positiv in Erinnerung bleiben wird 🙂
GRACIAS an alle, die das möglich gemacht haben, uns unterstützt und an uns geglaubt haben!

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